Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Als Wupperart die PIGS traf – Michael Mahlke und Carlos Spottorno

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2012 und 2013 waren wichtige Jahre – auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

Dies hatte auch Folgen für die Fotografie.

Auf Photobookmuseum.de können wir dazu lesen:

„Denn die Wirtschaftskrise der südeuropäischen Länder spielte in der künstlerischen Fotografie bislang kaum eine Rolle. Mit dem Akronym PIGS bezeichnet das britische Wirtschaftsmagazin The Economist (Stick with Mutti) Portugal, Italien, Griechenland und Spanien.  Mit The Pigs zeigt uns Carlos Spottorno jetzt eine andere, eine eher unbeachtete Realität. …

In The PIGS konfrontiert er den Betrachter mit den Folgen von Gier, Korruption, Faulheit und Ignoranz. Dabei wählte er nicht etwa Bilder von alten Herren aus, die gemütlich ihre Siesta halten, und auch nicht von feisten Yacht- und Villenbesitzern. Stattdessen zeigt Spottorno Bauruinen und vermüllte Straßen, einen Madonnenverkäufer am Wegesrand und Menschen, die in Containern am Hafen leben.

Da passt es nur allzu gut, dass Carlos Spottorno die Bilder als Magazin veröffentlicht hat, dessen Optik von The Economist nachempfunden ist.“

Carlos Spottorno hat natürlich früher damit angefangen, der Wirklichkeit einen Rahmen zu geben.

In dem als Magazin erschienen Buch THE PIGS zeigt er 2012/2013 dann diese Aufnahmen der Wirklichkeit zu diesem Thema so wie sie die Menschen sehen.

Faszinierend für mich ist die Parallele zu meinem Projekt 1214.wupperart.de.

Während Spottorno die Situation in südlichen europäischen sog. Krisenländern fotografierte, wurden meine Fotos im als 2012 krisenfrei geltenden Kernland Deutschland aufgenommen. Dabei ist in Deutschland die soziale Krise viel manifester und soziale Erstarrung durch neoliberale Schreckgespenster eingetreten.

Festgemauert in der Erde steht Hartz4 aus Nazigeist gebrannt …

Aber auch ich hatte schon viel früher angefangen.

So hielt ich den Wandel der Bergischen Industrieregion fest,

Das letzte Thema führte dann zu dem Projekt, das ich parallel zu Spottorno umsetzte.

Ich bin von den betrieblichen Veränderungen zu den Folgen im öffentlichen Raum gekommen. Je mehr Arbeitsplätze hinter den Kulissen bzw. Mauern verschwanden, desto mehr Veränderungen wurden vor den Mauern im öffentlichen Raum sichtbar.

Remscheid, Solingen und Wuppertal sind eine verarmte Region geworden mit immer weniger schön gestalteten Möglichkeiten, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten – und wenn nur gegen Eintritt.

So sind sogar Sozialkontakte an schönen Orten nur gegen Geld erfahrbar.

Allerdings wird dies durch die jeweilige Stadtstruktur abgemildert.

Während in Remscheid eine funktionale Vereinsamkeitsstruktur im öffentlichen Raum aufgebaut wird (möglichst wenig Sitzflächen und gemütliche Baumparks), nehmen die freien Kontaktmöglichkeiten in Solingen zu und sind in Wuppertal noch am weitesten verbreitet.

Der Wandel zu einer Schlafstadt, in der Sozialkontakte sich immer mehr auf Heim oder  Laden reduzieren, wird in Remscheid besonders sichtbar.

Insofern sind die Fotos aus meinem Projekt der Blick auf eine Region vor Ort im Wandel.

Heute sind wir schon wieder weiter.

Die Flüchtlingsmassen erzeugen völlig neue Fragen. Gerade jetzt wird deutlich, was es bedeutet, wenn der öffentliche Raum für die Menschen keine echten Frei- und Begegnungsräume durch Parkanlagen und Freiflächen bereithält. Das schürt genau die Kontaktarmut, die eigentlich überwunden werden müßte.

Es sind die direkten Folgen des neoliberalen Denkens, das den privaten Reichtum stärkt und den Menschen immer mehr soziale Sicherheit nimmt. Damit nicht genug bauen sich immer mehr Reiche auf ihren Prachtgrundstücken ihre eigenen großen Begegnungs- und Rückzugsräume, während es für immer mehr Menschen immer weniger Freiflächen im öffentlichen Raum gibt.

Das erinnert an afrikanische Verhältnisse.

So wird in Remscheid nun die letzte mögliche und gemütlich gestaltbare Freifläche am Bahnhof mit einem Kino zugebaut, also kommerzialisiert statt kommunikativ geöffnet.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Schon die vorherigen Umbaumaßnahmen waren architektonisch darauf ausgerichtet, möglichst keine Kontaktflächen zu schaffen sondern funktionale Fluchtflächen, die man möglichst schnell hinter sich lassen will.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Fotografisch betrachtet ist dies alles faszinierend. Ob es Fotokunst oder sogar politische Fotografie ist, wird wohl letztlich im Auge des Betrachters liegen.

Aber für mich erweitert sich ungemein der Horizont. Ich war und bin mit meinem Projekt nicht allein sondern kann bei Spottorno parallel schauen, was woanders geschah.

Ich habe in dem angeblich von der Krise verschonten Deutschland gezeigt, was von den Leitmedien und der veröffentlichten kommerziellen Fotografie einfach ausgeblendet oder sogar übersehen wurde und wird.

Daher halte ich meine fotografischen Betrachtungen für eine gute und passende dokumentarische Ergänzung von Spottornos PIGS, zumal der Zeitraum sich stark überlappt.

 

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